Rosemarie war Teil eines Modeimperiums

Die ehemalige Unternehmerin hat erlebt, wie Politik Familien auseinanderreissen kann und dennoch immer an das Gute geglaubt und sich nie unterkriegen lassen.

«Mein Vater hat nach dem Krieg, 1948, das berühmte Modeunternehmen ‹adler› gegründet. Die Firma gibt es immer noch, ist aber nicht mehr in Familienbesitz, 1982 haben wir alles verkauft. Wir waren sehr erfolgreich auch wenn der Anfang sehr hart war. Zuerst lebten und arbeiteten wir in Ostdeutschland, in Annaberg, unser Unternehmen war den Behörden schon bald ein Dorn im Auge. Um einer Enteignung durch den Staat zu entgehen, waren wir gezwungen die DDR zu verlassen.

Erfolgreicher Neubeginn im Westen

1959 ist die ganze Familie, meine Eltern, mein Bruder Wolfgang und die zwei Nachzügler, Fürchtegott und Georg in den Westen geflüchtet. Meine Eltern hatten monatelang alles vorbereitet, damit wir im Westen die Firma wiederaufbauen konnten. Am Anfang habe ich auf dem Fussboden unserer Wohnung Schnittmuster gezeichnet, weil wir keinen Tisch und auch keine Büros hatten – total irre, wenn man sich das heute überlegt. Später habe ich die Produktion geleitet und die Lehrlinge ausgebildet. Ich habe oft bis spät nachts gearbeitet, bis mein Vater und der Hausmeister entschieden, den Hauptschalter um 21 Uhr abzustellen – nur so war ich zu bremsen. Ich war ja schon als Kind wahnsinnig lebhaft und benahm mich nicht, wie man es von einem Mädchen erwartete. Wenn ich wieder einmal auf die Welt komme, dann als Junge, das weiss ich.

Schon wieder auf der Flucht

Hätte mir jemand gesagt, dass ich in die DDR zurückkehren würde – ich hätte es nicht geglaubt. Aber das Leben besteht aus lauter Überraschungen. Vor unserer Flucht hatte ich mich verlobt, und 1962 bin ich zurück um zu heiraten, bin in die DDR gezogen, wo ich dann im Gasthof der Schwiegereltern arbeitete. Als ich mit meiner Tochter Sabine schwanger war – mein Sohn Christian war damals schon drei Jahre alt – hat mir meine Schwiegermutter unmissverständlich klar gemacht, dass ich nicht mehr erwünscht sei. Mein Bruder Wolfgang hat mir darauf erneut zur Flucht verholfen. Aber ich musste meinen Sohn zurücklassen. Das war die schwierigste und schmerzvollste Entscheidung meines Lebens.

Ein Leben für die Familie

Umso glücklicher macht es mich, dass ich trotz jahrelanger Trennung eine so intensive und schöne Beziehung zu meinem Sohn aufbauen konnte. Zu meiner Tochter sowieso – wir haben eine sehr enge Bindung – sie ist mit mir in die Schweiz gezogen und ist auch jetzt immer für mich da. Die Familie war immer das Wichtigste in meinem Leben. Zuerst die innige Bindung zu meinem Bruder, später zu meinen Kindern und Enkelkindern. Familie ist eigentlich das einzig Wahre, das zählt im Leben».